Von Good to Great: KD Dr. med. Janis Brakowski über Demut, Disziplin und die mentalen Stolpersteine auf dem Weg zur nächsten Entwicklungsstufe
- 13. Apr.
- 5 Min. Lesezeit

Was unterscheidet Unternehmen, die gut funktionieren, von solchen, die den Sprung von „good to great" schaffen? Für KD Dr. med. Janis Brakowski liegt die Antwort in einer seltenen Kombination: Demut gepaart mit klaren, ambitionierten Zielen. Disziplinierte Strategie statt impulsiver Aktionismus. Vertrauen statt Kontrolle. Und Führung, die nicht als formale Rolle verstanden wird, sondern als gelebte Verantwortung auf allen Ebenen der Organisation.
In unserer Interview-Serie mit erfahrenen Führungspersönlichkeiten und Expertinnen und Experten sprechen wir über die Themen, die Unternehmen aktuell beschäftigen, von Leadership über Strategieumsetzung bis zu psychologischer Sicherheit und nachhaltiger Entwicklung. Im Gespräch mit KD Dr. med. Janis Brakowski geht es um die Muster herausragender Unternehmenskulturen, um die konkreten Routinen wirksamer Führung, um gute Entscheidungen unter Druck, um die mentalen Stolpersteine auf dem Weg zur nächsten Entwicklungsstufe und um den grössten Hebel für persönliches Wachstum.
Inhalt:
Von Good to Great: Die Muster herausragender Unternehmenskulturen
Welche Muster erkennen Sie in Unternehmenskulturen, die bereits gut funktionieren und den Schritt von „good to great" schaffen?
KD Dr. med. Janis Brakowski: Erfolgreiche Organisationen haben klare Werte und einen starken Purpose, der konsequent in Entscheidungen und Verhalten umgesetzt wird. Sie verfolgen ihre Strategien diszipliniert und langfristig, anstatt ständig die Richtung zu wechseln. Diese Vorgehensweise macht sie unter anderem weniger anfällig für Volatilitäten des Marktes sowie für systemische interne und externe Herausforderungen.
Eine offene Feedback- und Lernkultur mit psychologischer Sicherheit und implementierten Corporate Health Systemen ermöglicht kontinuierliche Verbesserung bei gleichzeitig hohen Leistungsstandards.
Führung wird nicht hierbei nur als formale Rolle verstanden, sondern als gelebte Verantwortung auf allen Ebenen der Organisation. Mitarbeitende übernehmen aktiv Ownership für ihre Aufgaben und Ergebnisse, während gleichzeitig eine enge, bereichsübergreifende Zusammenarbeit gefördert wird. Unternehmen investieren gezielt in die Entwicklung von Führungskompetenzen, um nachhaltige Wirksamkeit und Orientierung zu sichern.
Herausragende Unternehmenskulturen zeichnen sich durch eine Balance aus: Sie verbinden eine Haltung der Demut mit klar formulierten, ambitionierten Zielen. Statt impulsiv auf jede neue Initiative aufzuspringen, setzen sie auf konsequente Priorisierung und strategische Fokussierung, um ihre Ressourcen wirksam einzusetzen und langfristige positive Effekte zu erzielen.
Vertrauen, Klarheit, Konsequenz: Was High-Performing-Teams brauchen
Welche inneren Haltungen und konkreten Routinen benötigen Führungskräfte, um High-Performing-Teams aufzubauen und nachhaltig zu stabilisieren?
KD Dr. med. Janis Brakowski: Führungskräfte entwickeln High-Performing-Teams durch eine Haltung von Vertrauen, echter Menschenorientierung und dem Selbstverständnis als Ermöglicher statt Kontrolleur, bei gleichzeitig klaren Erwartungen. Dabei sind kontinuierliche Selbstreflexion und konsistentes Verhalten entscheidend, um Vertrauen aufzubauen und nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen.
Klare Ziele, transparente Erwartungen und strukturierte Formate wie regelmäßige 1:1-Gespräche, konzise Dokumentation der Ziele sowie transparente Wissens- und Entwicklungsdaten-Speicherung schaffen Orientierung und fördern individuelle Entwicklung.
Etablierte Lern- und Feedbackroutinen wie Retrospektiven sowie offene Dialogräume stärken kontinuierliche Verbesserung und psychologische Sicherheit. Nachhaltige High Performance entsteht durch die Kombination aus Vertrauen, Klarheit und konsequenter Entwicklung. Die Verankerung dieser Elemente im täglichen Führungsverhalten ist essenziell und sollte kontinuierlich umgesetzt werden.
Gute Entscheidungen unter Druck, ohne Vertrauen zu verlieren
Wie können Führungskräfte bei steigender Komplexität, internen und externen Erwartungsdrücken sowie gleichzeitigem Margendruck gute Entscheidungen treffen, ohne dass Vertrauen erodiert?
KD Dr. med. Janis Brakowski: Gute Entscheidungen in komplexen Umfeldern basieren auf klaren Prozessen und Transparenz, nicht auf vollständigen Informationen. Dadurch bleibt allseitiges Vertrauen auch bei Unsicherheit erhalten.
Führungskräfte trennen sichtbar zwischen Fakten, Annahmen und Hypothesen und fördern aktiv unterschiedliche Perspektiven, um die Entscheidungsqualität der Geführten und des Unternehmens zu erhöhen.
Klare Entscheidungslogiken und Zuständigkeiten schaffen Orientierung und verhindern Frustration sowie Vertrauensverlust. Statt Kontrolle zu erhöhen, setzen erfolgreiche Führungskräfte auf bewusste Delegation innerhalb klar definierter Leitplanken, um Eigenverantwortung und Vertrauen der Geführten zu stärken. Offene Kommunikation über Entscheidungen und Unsicherheiten sowie kurze Lern- und Feedback-Zyklen sichern Vertrauen und ermöglichen kontinuierliche Anpassung.
Mentale Stolpersteine: Vom Kontrollbedürfnis zur Entwicklungschance
Welche typischen mentalen Stolpersteine sehen Sie bei Führungskräften auf dem Weg zur nächsten Entwicklungsstufe, und wie lassen sie sich produktiv nutzen?
KD Dr. med. Janis Brakowski: Das Kontrollbedürfnis der Führungspersonen und innerhalb der Unternehmensstrukturen hindert oft den nächsten Entwicklungsschritt. Wird dieses Bedürfnis hingegen gemeinsam reflektiert, kann es helfen, bewusst mehr Verantwortung zu übertragen und Wachstum im Team zu ermöglichen. Die starke Identifikation mit Rolle oder Expertise führt bei Veränderungen zu Unsicherheit, kann jedoch als Chance zur Weiterentwicklung und Neudefinition der eigenen Führungsrolle genutzt werden.
Perfektionismus bremst Entscheidungen und fördert Mikromanagement, wird aber produktiv, wenn er durch eine pragmatische Lern- und Fortschrittsorientierung ersetzt wird.
Selbstüberforderung zeigt Grenzen auf und wird zum Entwicklungspotenzial, wenn Führungskräfte lernen, auf ihre eigenen Ressourcen zu achten und nachhaltige Selbstführung zu praktizieren.
Der grösste Hebel für persönliches Wachstum
Was ist aus Ihrer Sicht der grösste Hebel für persönliches Wachstum bei Führungskräften, und wie kann man diesen im Alltag konsequent kultivieren?
KD Dr. med. Janis Brakowski: Der grösste Hebel für persönliches Wachstum liegt in der bewussten Weiterentwicklung des eigenen Führungsverhaltens durch die Kombination aus Feedback, neuen Perspektiven und konkreter Anwendung im Alltag.
Führungskräfte, die Lernen als kontinuierlichen Prozess verstehen und sich aktiv neuen Herausforderungen aussetzen, schaffen die Grundlage für nachhaltige Entwicklung. Gezieltes Einholen von Feedback, Austausch mit Sparringspartnern und Lernen aus realen Führungssituationen machen Entwicklung praxisnah und wirksam.
Konkrete Routinen wie regelmässige Reviews, Dialogformate oder bewusst gesetzte Lernziele helfen, Wachstum strukturiert im Alltag zu verankern. Entscheidend ist die konsequente Umsetzung: Kontinuierliche, kleine Anpassungen im Führungsverhalten führen langfristig zu mehr Klarheit, Wirksamkeit und Stabilität.
Fazit
Das Gespräch mit KD Dr. med. Janis Brakowski macht eines deutlich: Der Schritt von „good to great“ entsteht nicht durch grosse Gesten, sondern durch die konsequente Verbindung von Demut und Ambition, von Vertrauen und Klarheit, von Disziplin und Offenheit. Herausragende Unternehmenskulturen priorisieren statt zu reagieren, und herausragende Führungskräfte verstehen sich als Ermöglicher statt als Kontrolleure.
Wer in komplexen Umfeldern gute Entscheidungen treffen will, braucht nicht vollständige Informationen, sondern klare Prozesse und Transparenz. Und wer persönlich wachsen will, erkennt die eigenen mentalen Stolpersteine nicht als Schwäche, sondern als Entwicklungsressource. Denn nachhaltige Wirksamkeit entsteht nicht aus einzelnen grossen Würfen, sondern aus der konsequenten, kontinuierlichen Arbeit am eigenen Führungsverhalten.
Über KD Dr. med. Janis Brakowski
KD Dr. med. Janis Brakowski ist CEO und Founder von JB Private Mental Health in Zürich sowie stellvertretender Leiter des Zentrums für akute psychische Erkrankungen an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (aktuell im Forschungs-Sabbatical). Als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie verfügt er über breite Expertise und ein internationales Netzwerk renommierter Spezialistinnen und Spezialisten in den Bereichen Psychiatrie, Psychotherapie, Coaching, Advisory und Longevity.
KD Dr. med. Janis Brakowski ist seit über 17 Jahren mit der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich verbunden, zunächst als Assistenz- und Oberarzt, seit 2016 in leitender Funktion. Seit Mai 2025 ist er Advisory Board Member der Jester Advisory AG sowie Mitglied weiterer Advisory Boards, unter anderem bei AYUN und Schön! Switzerland Magazine.
Seine akademische Ausbildung umfasst ein Medizinstudium an der Charité Berlin mit Promotion, ein Studium der Philosophie, Geschichte und Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, einen Forschungsaufenthalt im Bereich Neuroscience an der Harvard Medical School sowie in Philosophie an der University of Cambridge und der University of London.

